Eröffnungsrede

Eröffnungsrede im "Schauplatz" am 15.7.2006 von Prof. Dr. Hans Peter Hahn

Haltepunkte - Dinge die wir sehen und die wir nicht sehen.

Als ich von den Veranstaltern liebenswürdigerweise danach gefragt wurde, ob ich nicht zur Eröffnung dieser Ausstellung einige wenige Minuten sprechen könnte, habe ich erst nach einigem Zögern zugesagt.

Zugesagt habe ich einerseits gerne, weil ich das Projekt als solches bewundere und begeistert bin von dem Anliegen, mit einiger Spontaneität und sehr viel Improvisationskunst eine so komplexe Ausstellung an einem so ungewöhnlichen Ort wie diesem alten Kaufhaus zu realisieren. Andererseits habe ich gezögert, weil ich mich in keiner Weise für die geeignete Person hielt, um bei einem solchen Anlaß zu sprechen. Eingestandenermaßen bin ich kein Experte für zeitgenössische Kunst und auch kein Fachmann für Ansprachen auf Vernissagen. Überzeugen ließ ich mich dann aber doch von dem Argument, daß es genau diese Eigenschaft ist, die mich in den Augen der Veranstalter als der richtige für diese Aufgabe erscheinen ließ. Meine Aufgabe sei, zu einem Moment des Innehaltens anzustiften, für einige Minuten die Aufmerksamkeit zu richten und damit das anzuzeigen, was man gemeinhin den Beginn der Ausstellung nennt. Ich glaube, für diese Aufgabe kann ich mich gerne engagieren, und das ist es, wofür ich jetzt hier stehe.

Das Innehalten ist keine Selbstverständlichkeit. Vielmehr sind wir im Alltag darauf trainiert sehr vieles sehr schnell zu sehen, Entscheidungen zu treffen und richtig zu reagieren. All das erübrigt sich mit dem Moment, in dem Sie hierher gekommen und bereit sind, etwas mehr Zeit zu opfern für einen Blick auf diese Ausstellung. Die Philosophin Aleida Assmann hat dies in einen grundsätzlichen Zusammenhang gebracht. Sie schildert, wie das Lesen eines Textes typisch sei für den schnellen Blick: Der Blick auf die Buchstaben eines Wortes dauert nicht länger als der Bruchteil einer Sekunde. Es handelt sich um eben den kurzen Moment, den wir brauchen, um das Wort zu erkennen. Sinnlos, länger auf die Buchstaben zu starren.

Das Gegenteil ist der Fall in dieser Ausstellung: jede Sekunde, die sie länger auf die ausgestellten Objekte schauen, wird neue Perspektiven eröffnen und vielleicht auch Emotionen wecken. Assmann nennt das den langen Blick, auf den die nicht dechiffrierbaren Objekte einen Anspruch haben, zu dem diese Gegenstände gewissermaßen herausfordern. Indem Sie die Ausstellung betreten haben, befinden Sie sich in einem Raum, der den langen Blick herausfordert und Ihnen einiges mehr abverlangt als das rasche Erkennen eines Wortes oder eines Textes. Für diese Zumutung, und damit verspreche ich nicht zuviel, wird ihnen aber auch einiges gegeben. Der lange Blick, auf den Sie sich also gerade einzulassen im Begriff sind, eröffnet nämlich die Perspektive auf andere Ebenen der Wahrnehmung. Lassen Sie sich also bitte aufhalten von dieser Ausstellung und begreifen Sie die hier gezeigte Kunst als Haltepunkt, der sie (wenn auch nur für beschränkte Zeit) von der Gewohnheit des schnellen Blickes ablenkt.

Ein Haltpunkt ganz sicher und die Zumutung, Innezuhalten, gehören zu dem Sehen dieser Ausstellung. Dieser Haltepunkt ist aber kein bequemes Geländer, an dem man sich Anlehnen und Ausruhen könnte. Keine Wahrnehmung, die aus dem schon so oft gesehenen erklärt werden kann, nichts, was sich an Ihren Blick anschmiegt, und keine Form, die sich vertrauten Bewegungen anzupassen scheint. Alles das können wir hier nicht bieten. Die fortgesetzte Irritation gehört zum Programm, und die Kunst hier will nichts anderes, als zwar ein Haltepunkt sein, aber einer, der den aufmerksamen Betrachter aufrüttelt und zugleich durcheinanderbringt. Ein Haltpunkt, der gewissermaßen nicht nur Ihre Sinne zum Einhalten zwingt, sondern zugleich die Erwartungen und Denkhaltungen durcheinanderwirbelt und damit so etwas wie eine kreative Unruhe weckt, gegenüber dem, was im Alltag als zweckmäßige und durch unendliche Wiederholung eingeübte Ordnung gelten mag. Die erweckte Unruhe und gefühlte Irritation geht nicht nur von den Objekten aus, sondern bezieht sich wenigstens genauso viel auf den Raum selbst, in dem Sie hier stehen.

Ich komme damit zu dem Aspekt des ganzen Projektes, der mich persönlich am meisten fasziniert: nämlich zu der Tatsache, daß wir uns hier in einem Kaufhaus befinden. Wir alle haben uns daran gewöhnt, Kunst in Kaufhäusern zu finden, oder wenigstens das, was die Kaufhausmanager als verkaufsfördernde "geschmackvolle" Kunst empfinden und ihrem Publikum deshalb vorführen. Diese Kunst in Kaufhäuern hält einen nicht auf, im besten Fall zieht sie den Blick für einige Sekunden auf sich, um den Käufer daran zu erinnern, daß er sich gleich danach mit frischem Eifer an das Auswählen der Waren, also an den Konsum macht. Diese Form der Verschmelzung von Konsum und Kunst ist uns geläufiger als wir vielfach glauben. Er ist in einem Maße selbstverständlich geworden, daß wir es kaum noch wahrnehmen. (Versuchen Sie bitte, an ein großes Bayreuther Einkaufszentrum zu denken?)

Was aber hier vor Ihren Augen passiert, ist eine diesem geläufigen Modus entgegengesetzte und starke Aussage zur Logik von Konsum und Kunst. Die Ausstellung erhebt nämlich den Anspruch, die Dinge in ein ganz anderes Verhältnis zu rücken. Da ist zunächst die Bewegung. Wenn Sie hier hereinkommen, gibt es die Notwendigkeit anzuhalten, innezuhalten, und der Kunst einen eigenen Platz einzuräumen. Die hier ausgestellten Dinge sind keine Beiläufigkeiten, sie erheben Anspruch auf Ihre ganze Aufmerksamkeit und darauf, als Haltepunkt ernstgenommen zu werden. Aber, das "auf den Kopf stellen" der gewohnten Ordnung geht noch ein Schritt weiter. Was Sie hier sehen, ist nicht weniger als die Besetzung eines Kaufhauses durch die Kunst. Hier, wie selten sonst, ist es gelungen, den Raum des Konsums zurückzuerobern, hier ist Kunst kein Erfüllungsgehilfe des Konsums mehr, und sie stellt auch nicht den Anspruch, eine autonome, abgetrennte Welt zu schaffen. Anstelle dessen mischt sie sich ein. Sie zeigt, daß nach dem Konsum und jenseits des Konsums noch etwas anderes anfängt, eine Welt, die nicht mehr den Gesetzen des Konsums gehorcht, sondern ihre eigenen Regeln aufstellt. Diese Rückeroberung der Konsumwelt durch die Kunst ist ein einmaliger und mutiger Schritt. Und ich möchte Ihnen deshalb zurufen: Wenn Sie diese Ausstellung gesehen haben und wenn Sie ihr Anliegen teilen, gehen Sie in die Kaufhäuser und erobern sie diese für die Kunst!

Hans Peter Hahn